Klassiker der Weltliteratur – 10 Bücher, die man gelesen haben muss

Bei vielen füllen sie als obligatorische Deko die Hausbibliothek: Klassiker der Weltliteratur – gut gepflegt, doch ungelesen mit makellosem Einband. Wie ein edler Teppich oder eine kostbare Standuhr weilen sie zur Zierde im Bücherregal, um vor allem Besuchern den Eindruck zu vermitteln, hier lebt ein gebildeter Mensch. Doch was, wenn der betreffende Schmöker aus dem Regal gegriffen wird und Nachfragen angestellt werden: „Mich hat dieses Werk durch meine Jugend begleitet. War es für dich auch so eine einschneidende Leseerfahrung?“ 

Spätestens jetzt wäre ein Blick ins Buch die richtige Wahl gewesen. Doch keine Angst. Versäumtes lässt sich nachholen. Auch dicke Wälzer, durch die du dich während der Schulzeit nur widerwillig Seite für Seite gequält hast, kannst du als Erwachsener neu entdecken und vor allem: lieben lernen. Tatsächlich gibt es Bücher mit dem gewissen Etwas, das dafür sorgt, dass sie die Zeit überdauern und zu Klassikern werden. Sie sind Bücher, die man gelesen haben muss.

01
von 10

„Faust. Eine Tragödie“ von Johann Wolfgang von Goethe

Goethes Faust ist bis heute Pflichtlektüre an Schulen. Tatsächlich bist wohl auch du nicht drumherum gekommen und hast dich vielleicht an der schwülstigen Sprache der Weimarer Klassik gestört. Doch bricht man die Story des Gelehrten Dr. Heinrich Faust einmal herunter, hat das Werk alles, was ein Bestseller verlangt: einen Helden mit einem Konflikt, eine Liebesgeschichte, die kreative Idee, nämlich den Teufel höchstpersönlich in Erscheinung treten zu lassen, und jede Menge Spannung. 

Knapp 150 Jahre später nimmt der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann das Werk als Vorlage für seinen „Doktor Faustus“. Seine Gretchenfrage ist um 1943 hochpolitisch und versteht sich als Anspielung auf den Teufelspakt, den das deutsche Volk mit den Nationalsozialisten geschlossen hat. 

02
von 10

„Die Liebe in Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez

Wie nebenbei erzählt Gabriel García Márquez in „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ die Geschichte seines Heimatlandes Kolumbien. Das zwischen 1875 und 1935, so die ungefähre Zeit der Romanhandlung, vom Bürgerkrieg durchrüttelte Land ist jedoch nur die Kulisse für eine scheinbar größere Geschichte, mit der wir uns über Zeit- und Ländergrenzen hinweg identifizieren können: die von der großen, wahren Liebe. 

Ein Stoff, den auch Hollywood nicht links liegen lassen kann. So wurde der Roman 2007 für die Leinwand adaptiert. Wenn du den Zauber der Geschichte spüren möchtest, solltest du jedoch dein Kopfkino einschalten und liest am besten das Original – den Roman.

03
von 10

„Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi

Wenn ein Buch das Prädikat „dicker Wälzer“ verdient, dann dieses. Der historische Roman umspannt die zaristische Feudalgesellschaft vor dem Hintergrund der russisch-napoleonischen Kriege. Beeindruckend ist nicht nur Tolstois minutiöse Recherche von Schlachthergängen, sondern vor allem die moderne Verwebung von Handlungssträngen einer Vielzahl von Figuren. Natürlich darf ein Love Interest bei einem derart monumentalen Werk nicht fehlen. Geradezu filmisch geschrieben greift dieses Werk in der Erzählweise den modernen Romanen des 20. Jahrhunderts vor und ist tatsächlich mehrfach verfilmt worden. 

Um der Romanvorlage dabei jedoch in irgendeiner Form gerecht zu werden, tut es ein Streifen von normaler Spielfilmlänge nicht, eine Mini-Serie schon eher. Damit wäre die filmische Erzählweise übrigens auch näher am Original, das zunächst selbst seriell in Zeitschriften veröffentlicht wurde.

04
von 10

„Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt

Wie der Krieg sein Gesicht wandelt, zeigen die US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Die Erfindung „der Bombe“ treibt den Kalten Krieg voran. Die weltpolitische Lage der 50er und 60er Jahre inspiriert Friedrich Dürrenmatt zum Drama „Die Physiker“, in dem sich zwei Patienten einer psychiatrischen Anstalt als die Physiker Albert Einstein und Isaac Newton ausgeben. Ein dritter, Johann Wilhelm Möbius, hat die sogenannte Weltformel gefunden, die keinesfalls in falsche Hände geraten soll. Doch er hat nicht mit Einstein und Newton gerechnet, die in Wahrheit Agenten rivalisierender Geheimdienste sind. 

Um das gefährliche Wissen zu schützen, gehen die Protagonisten über Leichen. So müssen erst die Krankenschwestern sterben, bis sich die drei schließlich doch auf einen Schweigepakt einigen. Dieser kommt jedoch zu spät, denn die tatsächlich verrückte Anstaltsleitung hat längst die Unterlagen kopiert, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Als überführte Mörder gibt es für die Physiker – und den Rest der Welt – kein Entkommen mehr.

Bis heute, selbst nach Ende des Kalten Kriegs, prägt das sogenannte „Gleichgewicht des Schreckens“ die Beziehung zwischen Ost und West. Die MAD-Doktrin von der mutually assured destruction geht vom rationalen Standpunkt aus, dass keine der Konfliktparteien, weder die USA noch Russland, für die Vernichtung des Gegners auch die Vernichtung des eigenen Landes in Kauf nehmen würde und daher von einem Erstangriff absieht, vorausgesetzt natürlich, dass kein technischer Defekt oder sonstiger Irrtum zum Drücken des sinnbildlichen roten Knopfes führt und weder ein Irrer im Weißen Haus noch im Kreml sitzt.

05
von 10

„Verbrechen und Strafe“ / „Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski

Gibt es ihn, den gerechten Mord? Was für eine ungeheuerliche Frage – vor allem im 19. Jahrhundert! Doch genau diese Frage stellt sich der verarmte Jura-Student Raskolnikow in Dostojewskis Roman. In seiner prekären finanziellen Lage hat er schon so einiges bei einer Pfandleiherin zu Geld gemacht, allerdings mit geringer Ausbeute. Denn die Alte ist herzlos und geizig. Das perfekte Opfer für ein „erlaubtes Verbrechen“, denkt sich der Protagonist, der von sich selbst glaubt, zu jenen auserwählten Menschen zu gehören, die selbst bei einem Mord einen kühlen Kopf bewahren würden. 

So plant er die Alte mit einem Beil zu erschlagen. Doch während der Tat wird er von ihrer zufällig erscheinenden Schwester überrascht und tötet in seiner Panik auch sie. Nur mit Glück entgeht er zunächst der Verhaftung. Fortan plagen ihn Gewissensbisse, die ihm keine Ruhe mehr lassen. Durch die fromme Sofja, in die sich Raskalnikow verliebt, beschließt er schließlich sich zu stellen, um für seine Sünden zu büßen. 

Die dem Roman zugrundeliegenden Themen von Ethik, Glaube und Moral stellen sich dem Zeitgeist des aufkommenden Nihilismus entgegen. Die Idee eines gerechtfertigten Mordes, dass es in manchen Situationen in Ordnung ist, über Leichen zu gehen, lässt sich jedoch auf viele weitere Situationen beziehen – vom NS-Wahnsinn der Euthanasie bis hin zum utilitaristischen Wesen des Kapitalismus.

06
von 10

„Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers

Es ist 1937, als Georg Heisler und sechs weitere Gefangene aus einem Konzentrationslager ausbrechen. Der Lagerkommandant ordnet die Rückführung der Geflohenen an und lässt sieben Kreuze vorbereiten. Doch eines bleibt leer. Im Gegensatz zu allen anderen gelingt Georg Heisler die Flucht.

Das 1942 zunächst in englischer Sprache in den USA und später auf deutsch im mexikanischen Exilverlag El Libro Libre erschienene Buch skizziert mit spitzer Feder einen Querschnitt von der deutschen Gesellschaft während des Dritten Reichs. Seghers erzählt von der mechanischen Folgschaft der Mitmacher, den abgebrühten Opportunisten, dem Stillschweigen ehemaliger Oppositioneller, den hochrangigen Beamten des Regimes sowie jenen unparteiischen, aber menschlichen Deutschen, die bei der Flucht geholfen haben. Das packende wie authentische Abbild der Gesellschaft setzt den Leser in ein Wechselbad der Gefühle – zwischen Hoffnung und Ohnmacht.

07
von 10

„Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil

Ulrich ist „Der Mann ohne Eigenschaften“. Eingebettet in ein fiktives Abbild der ausgehenden k. u. k. Monarchie im Zerrspiegel, liebevoll ironisch „Kakanien“ genannt, erzählt Musil die Geschichte von einem Mann, der sich alle Möglichkeiten offenlässt und scheinbar ziellos durch die Umbruchszeit des Ersten Weltkriegs stolpert. Sein Roman zählt zu den wichtigsten literarischen Werken des 20. Jahrhunderts und ist auch für den Autor persönlich von enormer Bedeutung. 

Nicht nur der jahrzehntelange Schreibprozess, sondern auch die autobiographischen Bezüge Musils zum Helden selbst, stechen ins Auge. Darüber hinaus hat jeder Leser die Chance, sich in Musils Buch zu suchen und zu finden. Ein ständiger Wegbegleiter ist dabei die (Selbst-)Ironie, die es erlaubt neue Perspektiven aufzuwerfen, aber auch zu verwerfen. So empfiehlt der Autor selbst, sein Buch zweimal zu lesen, „im Teil und im Ganzen.“

08
von 10

„Frankenstein“ von Mary Shelley

Ungebrochen ist das Interesse an dem erstmals 1818 anonym veröffentlichten Werk „Frankenstein“. Mary Shelley erzählt in spätromantisch phantastischer Manier die Geschichte vom schweizerischen Forscher Viktor Frankenstein, der an der Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft – ein Monster, das er schlussendlich nicht zu beherrschen vermag. 

Frankensteins Monster hat seinen eigenen Kopf, sehnt sich nach Zugehörigkeit und bringt doch nur Unheil. Zum maßgeblichen Erfolg des Buches, das wieder und wieder verfilmt wurde, trug nicht nur Shelleys poetisch-düstere Schreibweise, sondern auch ihr enormes Einfühlungsvermögen bei. Wohl oder übel wird der Leser dazu verführt, die Welt mit den Augen des von der Gesellschaft verstoßenen Monsters zu sehen und gerade dadurch möchte man dieses Buch vor der letzten Seite nicht aus der Hand legen – eben ein Klassiker, den man gelesen haben muss.

09
von 10

„Homer“ und "Odysee" von Homer

Diese beiden Klassiker der antiken Literatur sollten Sie auf jeden Fall gelesen haben. So mythisch wie seine Dichtungen war auch Homer selbst – fast nichts ist über den griechischen Philosophen bekannt. Ilias schildert den trojanischen Krieg anhand von 24 Gesängen. In seinem zweiten Epos Odyssee erzählt Homer die abenteuerliche Heimfahrt Odysseus nach Kriegsende. Mit Themen wie Liebe und Verrat, Rache und Versöhnung sowie dem mythischen Leben der griechischen Götter hat Homer nicht nur erstklassige Literatur geliefert, sondern auch den Grundstein der europäischen Literaturgeschichte gelegt. 

10
von 10

„1984“ von Homer

Das Meisterstück von George Orwell ist eines der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts. Geprägt von der politischen Situation seiner Zeit (erschienen 1949), erzählt 1984 die düstere Dystopie eines Überwachungsstaates.

Erzählt wird die Geschichte in drei Teilen aus Sicht des Protagonisten Winston Smith. Im Vordergrund der Handlung steht die Sprache und deren gleichzeitige Zerstörung. Da viele Amerikaner Parallelen zwischen George Orwell’s Roman und der derzeitigen Lage ihres Landes erkennen wollen, ist das Buch in den USA momentan wieder ein Bestseller. 

Was macht einen Klassiker aus?

Weltliteratur Klassiker

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Der Begriff der Klassik bezieht sich als epochale Bezeichnung zunächst auf die Antike, hier vor allem auf Autoren wie Aischylos und Aristophanes. Dem Worte nach handelt es sich um Literatur ersten Ranges – die classis waren Römische Bürger des höchsten Standes. Bis heute gelten die antiken Autoren als Leitbilder. Konzepte zum Stückaufbau sowie archetypische Stoffe beeinflussen nach wie vor Literaturschaffende. Ein Klassiker ist im weiteren Sinne aber auch ein Werk, das sich von der Masse abhebt und nicht an Aktualität verliert. So sind Klassiker Bücher, die man gelesen haben muss. 

Mit der Zeit avancieren diese Werke mit jeder Neuauflage zum Bestseller. Doch nicht jeder Bestseller hat das Zeug zum Klassiker. Ein Buch am Puls der Zeit, das seine Botschaft spannend und innovativ auf den Punkt bringt, kann heute polarisieren oder massenweise begeistern und ist morgen doch vergessen. In das kollektive Gedächtnis geht nicht jeder Bestseller ein. Doch in den Regalen der Weltliteratur versammeln sich Werke von globaler Bedeutung. Goethe nutzt den Begriff „Weltliteratur“ 1827 als Erster und meint damit Geschriebenes, das „aus einem übernationalen, kosmopolitischen Geist heraus geschaffen wurde.“ 

Ob es bei einem Werk zum Klassiker reicht, hängt nicht zuletzt davon ab, ob der Stoff (heute noch) an den innersten Grundfesten eines Menschen rüttelt. Doch selbst historisch anmutende Werke erzwingen nicht allzu selten den unweigerlichen Bezug zu aktuellen Ereignissen und werden dadurch zu Büchern, die man gelesen haben muss.

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