Kreativblockaden überwinden: Das Problem der leeren Leinwand

Jeder, der Kunst erschafft, sei es eine neue Malerei, eine Zeichnung, eine Skizze, ein Konzept, eine Grafik, sogar ein Artikel wie dieser, muss sich damit auseinandersetzen, wie man ein unbeflecktes Werk erschafft. Für manche Kreative ist die weiße Leinwand – im wörtlichen oder im übertragenen Sinne - der Inbegriff der Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeit und des künstlerischen Ausdruckspotenzials.

Genau das ist aber für die meisten das Problem: Die Freiheit schürt die Angst davor, etwas falsch zu machen und hindert dich daran, unbeschwert an dein neues Projekt heranzutreten. Falls du das Gefühl kennst, wenn man nicht weiß, wo und wie man anfangen soll, bist du hier richtig. Glücklicherweise gibt es einige Ansätze, die es dir einfacher machen, mit dieser Situation umzugehen und deiner kreativen Ader freien Lauf zu lassen. Vieles davon ist Einstellungssache, anderes wiederum nur eine Frage der Vorbereitung – beides kann man lernen.

Bereite dich gut vor

„Wer kein Ziel hat, der kommt niemals an.“ Was willst du mit deinem Werk erreichen? Was ist das Ziel? Wie stellst du dir den Weg dahin vor? Sobald du ein Ziel für dein neues Werk gefunden hast, solltest du die Dinge aufschreiben, die du erledigen musst, um dorthin zu gelangen. „Baby-Steps“ sagt man im Englischen zu den winzigen Abschnitten einer Etappe. Je mehr Baby-Steps du identifizieren und formulieren kannst, desto kürzer erscheint der gesamte Weg, wenn du dich auf die Erledigung der einzelnen Abschnitte konzentrierst.

Eine Urlaubsreise buchst du (im Normalfall) schließlich auch nicht, wenn du nicht weiß, wohin sie geht. Es bringt nichts, Checkliste abzuhaken, Baby-Steps zu gehen, wenn du kein Ziel vor Augen hast. Du kannst noch so viel Energie in dein Vorhaben stecken, du wirst trotzdem niemals ankommen. Genauso ist es in der Kunst auch.

Der entscheidende Unterschied zwischen der Buchung eines Urlaubs und der Erstellung eines Kunstwerks ist die Tatsache, dass das Ergebnis kreativ und das Ziel nur vage angedeutet werden kann. Ob im Endeffekt genau das raus kommt, was du dir zu Beginn in Gedanken ausgemalt hattest oder du entlang des Weges doch merkst, dass du deine Vorstellung anpassen musst, steht auf einem ganz anderen Stern.

Beschaffe dir alles Notwendige

Malutensilien

Mentale Vorbereitung ist das eine, die physische etwas ganz anderes. Wenn du dir Gedanken zu deinem Werk gemacht hast, solltest du alles Notwendige beschaffen, was du zur Verwirklichung deiner Gedanken benötigst. Sobald du loslegst, wirst du auf die Bearbeitung deines Werks konzentriert sein und dich nicht darum kümmern, Quellen zu suchen, Material einzukaufen oder Bilder zu knipsen. Je mehr du im Vorhinein vorbereiten kannst, desto besser wird das Ergebnis, da dein Kreativprozess nicht mehr unterbrochen wird.

Im Zustand des Flows, also bei einer Aufgabe, die dich ununterbrochen fordert und dein Potenzial ans Tageslicht bringt, bist du um ein vielfaches produktiver und kreativer, als in einem Übergangszustand. Der Begriff des „Flow-States“ wurde von Mihaly Csikszentmihalyi geprägt und ist durchaus zusätzliche Recherche wert. Das Grundkonzept des Flows ist die ununterbrochene, hochkonzentrierte Widmung einer bestimmten Tätigkeit, die mit der Zeit Schwung entwickelt. Unterbrichst du diesen Impuls, erfordert der erneute Einstieg wesentlich mehr Energie, als die ununterbrochene Bewegung.

Eine Vorzeichnung hilft als Grundgerüst

Eine Skizze des späteren Gesamtwerks kann dir als Grundgerüst dienen. Widmest du dich einer groben Skizze, senkt das die Erwartungshaltung an dich selbst, weil dir bewusst ist, dass es sich dabei nicht um die finale Version handelt: Genauso mache ich es gerade auch während ich diesen Artikel in die Tasten hämmere. Ich weiß, dass ich später noch einmal die Möglichkeit habe, den groben Vorschrieb zu verändern und zu korrigieren. Nur so bin ich in der Lage, frei das zu schreiben, wie ich es geplant hatte, ohne mich auf Genauigkeiten oder besonders schöne Formulierung zu versteifen.

Eine Skizze oder ein ungenauer Entwurf ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum finalen Ziel. Sei dir bewusst, dass du die skizzierten Dinge später korrigieren kannst. Hast du die Skizze fertig, hast du schon das Problem der weißen Leinwand überwunden. Der scheinbar schwerste Schritt ist geschafft.

Hinweis: Die Skizze oder der Entwurf kann so detailliert oder so ungenau sein, wie du es für richtig hältst. Als mentale Stütze hilft schon ein ungenauer Entwurf. Als Vorarbeit zur späteren Ausgestaltung ist eine detailreiche Skizze besser, solange sie ihren skizzenhaften, impulsiven Charakter behält.

Das richtige Mindset

Mit der Vorarbeit im Rücken kann quasi nichts mehr schief gehen. Jeder vermeintliche Fehler ist eine Erfahrung, die dich beim nächsten Mal weiterbringt. Jeder Fehler ist ein getarnter Segen, wenn du dich nicht von ihnen herunterziehen lässt, sondern sie als genau das akzeptierst, das sie sind: Lernerfahrungen. Diese Einstellung zum kreativen Schaffensprozess ermöglicht beinahe grenzenlose Möglichkeiten. Jeder Baby-Step auf dem Weg dahin, jedes einzelne Projekt, jeder Kunde ist eine neue Chance, dich zu verbessern.

Sobald du die ängstlichen Gedanken ablegst und zuversichtlich in die Zukunft blickst, dein bestes gibst und aus deinen Erfahrungen lernst, bist du unaufhaltsam. Im Großen und Ganzen spielt es keine Rolle, ob du einen einzigen Strich in deiner Malerei versaust oder deiner Tonskulptur ein Henkel abfällt. Davon einmal abgesehen, entscheidest nicht du darüber, ob etwas richtig oder falsch ist, ob etwas schön oder hässlich, ob etwas gut oder schlecht ist. Die Gesamtheit der Betrachter und der Markt entscheiden darüber, ob dir ein Werk gelungen oder nicht gelungen ist. Die Individualbetrachtung ist durchzogen von kognitiven Verzerrungen, die dir wahrscheinlich nicht einmal auffallen. Auch dieses Thema ist einer intensiveren Beschäftigung würdig.

Die Gedanken in die Praxis übertragen

Kreative Gedanken

Negative Gedanken und Selbstzweifel sind für viele Leute an der Tagesordnung. Sogar die optimistischste Person der Erde ist davor nicht sicher.

Das bedeutetet allerdings nicht, dass du nicht daran arbeiten kannst. Mit diesen drei Übungen im Bezug auf den künstlerischen Schaffensprozess kannst du deine Kreativität besser ausleben.

Kreiere jeden Tag: Wenn du dir jeden Tag eine kleine kreative Aufgabe vornimmst, ist das leichter als ein Mal im Monat eine riesige. Durch kleine Aufgaben baust du Schwung auf, ohne dich zu überfordern. Der Schwung sorgt dafür, dass du nicht aus dem Tritt kommst, sodass du nicht wieder vor die Hürde eines Neubeginns gestellt wirst. Wenn du deine kreativen Aufgaben zur Routine machst, wird dein Können schneller wachsen, die innere Erwartungshaltung an dich selbst sinken und letztlich die Ergebnisse besser werden.

Wenn du jeden Tag etwas machst, solltest du darauf achten, dich stets neu zu fordern. Ansonsten kommt es schnell dazu, dass die Monate vergehen und du dich noch immer am selben Punkt befindest, an dem vor einiger Zeit warst.

Ein hervorragendes Buch zu diesem Thema stammt von Carol Marine und heißt „Daily Painting“. Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts findest du in diesem Artikel.

Führe ein Skizzenheft: Mach es dir leicht, jeden Tag etwas neues zu erschaffen, indem du ein Skizzenheft führst. Wie der Name schon sagt, brauchst du keine Angst vor der täglichen Kreativität zu haben, da es sich lediglich um eine Skizze handelt. Ein weiterer Pluspunkt des Skizzenhefts liegt darin, dass du es überall mit hin nehmen kannst, sodass du auch unterwegs malen kannst.

Veränderung erleben: Wenn man jeden Tag kreativ ist, möglicherweise sogar damit Geld verdient, sind die Kreativ-Batterien der meisten Leute irgendwann leer. Wenn du das Gefühl hast, dass du etwas Abstand brauchst, gönn ihn dir. Du hast wahrscheinlich schon öfters gehört, dass vielen Leuten die besten Ideen dann kommen, wenn sie mit den Gedanken nicht auf darauf fokussiert sind. Wenn sie sich in einem neutralen Zustand befinden und du Zeit hast, dich zu entspannen. Diese Form der Veränderung bzw. der Abwechslung kommt in vielen Gestalten. Beispielsweise hilft es dir womöglich schon, dich mit einem neuen Medium auseinanderzusetzen und zu experimentieren. Andere Leute reisen eine Weile, um ihre Batterien aufzuladen.

Wonach dir der Sinn steht, tu es, wenn du kannst. Kreativität kann man nicht erzwingen, man kann lediglich versuchen, sie zu forcieren. Manchmal ist der beste Weg nicht der geradlinige im Stau, sondern der längere Weg mit freier Fahrt.

Ich hoffe, du kannst das Problem der leeren Leinwand (bzw. das Problem mit einem neuen kreativen Projekt anzufangen) mit diesen Tipps eindämmen. Ich freue mich über jeden weiteren Tipp in den Kommentaren.

Fotos: rawpixel.com / tomertu / Mr Twister - Shutterstock.com

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