Alles, was du zu Street Art wissen musst

Am Anfang kam die Spraydose, oder doch nicht? Die Wurzeln von dem, was wir heute als Street Art kennen, lassen sich weit zurückverfolgen – bis über 2.000 Jahre v. Chr.  ins Ägypten des Altertums. Archäologen haben Einritzungen in Wänden gefunden – Spuren, die Menschen wie du und ich dort hinterlassen haben, um Wünschen, Eiden und Gebeten eine manifeste Form zu geben.

In diesem Artikel gehen wir auf die Ursprünge und die Motive der Street Art ein, versuchen sie zu definieren und sehen uns schließlich die unterschiedlichen Formen der Straßenkunst an.

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Das antike Graffiti

Geritzt und nicht gesprüht


Im Antiken Griechenland und im Römischen Reich setzt sich diese Tradition fort. Das ursprüngliche Graffiti Tag wurde jedoch nicht gesprüht, sondern geritzt. Sachbeschädigung oder Vandalismus? Fehlanzeige. Das Hinterlassen des eigenen Namens, von witzigen Sprüchen und Liebesbekundungen war überraschend selbstverständlich, wie der Fund von über 5.000 Wandeinritzungen im einstigen Pompeji zeigt, wo die Inschriften unter Asche und erkalteter Lava nach einem Ausbruch des Vesuvs gut konserviert worden sind. 

Mit Wandeinritzungen verliehen die  Römer ihren Gefühlen Ausdruck

In der griechischen Sprache ist dieser Teil von Street Art fest verankert, und zwar als Graffiti. Abgeleitet vom griechischen γράφειν (graphein), was mit „schreiben“ oder „zeichnen“ übersetzt werden kann, gilt es als die Urform der modernen Straßenkunst.

Was im Altertum weit verbreitet war, bekam Mitte des 20. Jahrhunderts neuen Schwung und prägt heute auf vielgestaltige Weise das Stadtbild von Metropolen auf der ganzen Welt.

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Spuren hinterlassen und Farbe bekennen

Motive hinter Street Art


Der Berliner Reichstag zeigt bis heute eine Auswahl der Schriftzüge, die Soldaten der Roten Armee hinterlassen haben, als sie am 30. April 1945 das Gebäude eroberten. Als die Inschriften hinter Verkleidungen und Wänden im Zuge von Renovierungsarbeiten 1995 wieder aufgetaucht sind, erregten sie die Politgemüter. Was sollte mit diesen Zeugnissen der Geschichte geschehen?

Foto: Flickr / ptwo / Kyrillische Inschriften am Reichstag

Heute sind 159 restaurierte Graffiti der Rotarmisten erhalten und in Übersetzung dokumentiert. Ein Großteil der Inschriften hat lediglich Nachnamen und Routen zum Gegenstand, so etwa: „Unser Weg führte vom Kaukasus bis zum Reichstag in Berlin, Moschkin. I. P.“ Daneben haben sich die Soldaten im Siegestaumel auch mit Sprüchen wie „Für Leningrad haben sie voll bezahlt“ oder „Einen Scheiß kriegt Ihr, Faschisten, nicht Russland“ verewigt. Die Graffiti besiegeln auf diese Weise das Ende einer dunklen Ära der deutschen Geschichte und sind somit ein wichtiges Dokument des damaligen Zeitgeschehens.

Die Hauptstadt beherbergt darüber hinaus ein weiteres Street-Art-Zeugnis deutscher Geschichte: die Berliner Mauer, die vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 Ost- von Westberlin trennte. 1976 wurde der sogenannte „antifaschistische Schutzwall“ mit massiven Betonsegmenten aufgerüstet, die eine Höhe von 3,60 Meter erreichten. Obwohl das Gestalten der Mauer illegal war, machten sich einige Kreative daran, den dem Westen zugewandten Teil zu bemalen. Dabei wurden Kunstwerke wieder und wieder übermalt.

East Side Gallery

Als die Mauer fiel, vereinnahmten Künstler auch die Ostseite der Mauer – allerdings im Wettlauf gegen die Zeit, denn 1990 begannen die Abrissarbeiten an der über 28 Jahre bestehenden Trennwand. Wenige Mauersegmente wurden zur Besichtigung als Open-Air-Galerien erhalten. Das längste erhaltene Teilstück, die East Side Gallery, steht in der Mühlenstraße in Berlin-Friedrichshain.  

Die Israelischen Sperranlagen, ein mit Stacheldraht versehener Zaun, mit dessen Bau im Jahr 2002 begonnen wurde, erreichen entlang der Grenzlinie zwischen Israel und dem Westjordanland eine Länge von 759 Kilometer. Ein Abschnitt in Jerusalem, der etwa 25 Kilometer umfasst, besteht aus massivem Stahlbeton und ist stellenweise bis zu acht Meter hoch. Vor allem der britische Street Artist und Aktivist Banksy hat durch seine Stencils und Wandgemälde an den vom Internationalen Gerichtshof für illegal erklärten Anlagen die Aufmerksamkeit auf den Israelisch-Palästinensischen Konflikt gelenkt.

Foto: Flickr / Neil Ward / Banksy's Friedenstaube mit schusssicherer Weste im Fadenkreuz

So ist Street Art bis heute eine beliebte Ausdrucksform, um sich politisch-künstlerisch zu engagieren, Gesellschaftskritik zu üben und neue Perspektiven zu eröffnen. Street Art ist Protest, der sich für keine Seite vereinnahmen lässt, sondern Politik und Gesellschaft meist ironisierend den Spiegel vorhält. Viele Werke besitzen daher eine komische Kraft, sind von Mehrdeutigkeit geprägt und regen zum Nachdenken an.

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Street Art – Definition

Im Spannungsfeld der Legalität


Doch ist Street Art stets Ausdruck kritischen Denkens? Jan Gabbert schreibt in seiner Masterarbeit „Street Art. Kommunikationsstrategie von Off-Kultur im urbanen Raum“:

An erster Stelle steht die Kritik und der Kampf um Machtverhältnisse im öffentlichen Raum. […] Der Street Art Akteur […] kämpft aktiv für die Rückgewinnung von öffentlichem Raum.

Als Kunstform im öffentlichen Raum bewegt sich Street Art stets in einem Spannungsfeld zwischen Legalität und Illegalität. Oft als Schmiererei, Sachbeschädigung oder Vandalismus verschrien wird Street Art nicht immer als Stadtverschönerung wahrgenommen – und ist auch nicht immer als solche intendiert.

Zug Graffiti

Ein sogenannter Wholecar - Ein Zugwaggon wird auf gesamter Höhe und Länge eingesprüht

Vor allem Graph Artists verfolgen das Ziel, ein Tag an möglichst schwer zugänglicher Stelle zu hinterlassen. Das Begehen von „Verbotenem“ ist hierbei von besonderem Reiz, aber nicht zwingend politisches Statement. Die subversive Zeichenproduktion ist dennoch indirekte Kritik am bestehenden Status quo, dessen Richtigkeit dadurch zumindest in den Fokus gerückt wird.

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Umdenken in den Köpfen der Stadtplaner

Die ewige Street Art-Debatte


Laut Gabbert positioniert sich Street Art als Gegengewicht zum stereotypen Grau-in-Grau der Großstädte. Der Blick wird damit hin zum Lokalen und weg vom global-sterilen Franchise-Stadtbild gelenkt. Damit lehne sich Street Art gegen die Vorherrschaft der Macht von Architekten, Stadtplanern und Eigentümern im urbanen Raum auf. Doch das Motiv der gestalterischen Mitbestimmung findet sich eher implizit in Kunstwerken von Street Artists. Im Gegenteil, viele Kommunen haben das Potential von Kunst im öffentlichen Raum erkannt und stellen daher aktiv Freiflächen für Künstler zur Verfügung.

Stadtplaner, Nichtregierungsorganisationen, Vereine und andere Interessensverbände sowie Unternehmen fördern zunehmend das kreative Schaffen im urbanen Raum. 2017 kooperierte Artkademy mit einem internationalen Getränkehersteller, um das Stadtbild ausgewählter Orte in Italien mit einem neuen Anstrich zu versehen.

Foto: Artkademy

Zu Beginn des Jahres 2018 sprühte das Street-Art-Duo SNIK Frauenwahlrechtlerinnen in Manchester ein haushohes Denkmal. Möglich gemacht wurde dieses Projekt durch das Sachsponsoring eines Spraydosenherstellers.

In Saarbrücken setzt sich die Stadtplanung im Rahmen des Projekts „The Urban ArtWalk“ dafür ein, kahle Fassaden mit Farbe zu füllen. International renommierte Künstler haben in der saarländischen Hauptstadt ihre großformatigen Werke zum Freilichtmuseum beigesteuert.

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Kunst, die im Gedächtnis bleibt

Einzigartige Kreationen


Der Bruch mit Erwartungshaltungen – nein, Kunst hängt nicht nur im Museum! – ist zentraler Teil der Street-Art-Kultur. Dazu gehört es auch, einen eigenen Stil, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Die Werke international bekannter Street Artists zeichnen sich daher durch einen hohen Wiedererkennungswert aus.

Mit regenbogenfarbigen Wandgemälden, die sich mosaikartig aus geometrischen Formen zusammensetzen, sorgt etwa Okuda San Miguel international für Aufsehen. Ein anderer Street Artists, Bordalo II, bringt statt Farbe Schrott an die Wand. Seine Recycling-Kunst, die meist Tiere zum Motiv hat, ist Ausdruck für das Engagement des Künstlers für Natur- und Tierschutz.

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Allerhand – bring es an die Wand!

Formen der Straßenkunst


Während sowohl beim Graffiti Tag als auch beim Stencil die Farbe aus der Spraydose das Material der Wahl ist, gibt es zahlreiche andere Ausprägungen von Street Art, die sich unterschiedlicher Formen und Materialien bedienen.

Der Klassiker

Das Graffiti in all seinen Varianten


Die Graffiti-Kunst ist so vielfältig wie beinahe keine andere. Es gibt zahllose Auftragstechniken, Schreibstile und Untergründe, mit denen beim Graffiti experimentiert wird.

Wenn du mehr zum Graffiti und den verschiedenen Styles lernen willst, wirst du diesen Artikel hilfreich finden.

Grün für die Betonwüste

Was ist Moos-Graffiti? 


Mit Trends wie Guerilla Gardening auf dem Vormarsch bekommt auch Street Art zuweilen einen grünen Touch. Beim Moos-Graffiti wird nicht mit Lack und Farbe auf Wände gesprüht oder gemalt, sondern die Fassade wird zum Nährboden für waldgrünes Moos.

Street Art: Anleitung für Moos-Graffiti

Ideen für dein erstes Moos-Graffiti


Um dein eigenes Moos-Graffiti an die Wand zu bringen, brauchst du:

  • 3 Tassen Moos
  • 2 Tassen Milch oder Buttermilch
  • 2 Tassen Wasser
  • ½ TL Zucker
  • Standmixer oder Pürierstab
  • Malerpinsel

Moos bekommst du im Bastelfachhandel. Oder du sammelst es einfach selbst im Wald. Wasche das Moos vor der Weiterverarbeitung gründlich unter lauwarmem Wasser ab, um Erdkrümel und Dreck zu lösen. Gebe anschließend Moos und Wasser in den Standmixer oder in ein hohes Rührgefäß und füge die restlichen Zutaten hinzu. Nun alles ordentlich vermengen und schon kannst du loslegen!

Die fertige Masse trägst du an der gewünschten Stelle mit einem Malerpinsel auf. Damit dein grünes Graffiti gut gedeiht, solltest du es regelmäßig mit Wasser befeuchten. Wächst dein Moos-Graffiti einmal erhaben an der Wand, solltest du es regelmäßig mit der Schere stutzen, damit es seine Form behält.

Street Art aus bunten Fäden

DIY-Handarbeit als Straßenkunst


DIY ist angesagt. Handarbeit von Stricken über Häkeln bis Sticken beschränkt sich allerdings längst nicht mehr auf die gute Stube. Hübsches aus bunten Fäden ziert auch den urbanen Raum. Die litauische Künstlerin Severija Incirauskaite-Kriauneviciene bestickt beispielsweise rostige Schaufeln sowie schrottreife Autos.

Lock-ons

Anschluss gesucht


Wenn du lieber mit handfesten Materialien hantierst, kommst du womöglich beim Schrauben, Schweißen und Hämmern voll auf deine Kosten. Die fertigen Produkte, sogenannte Lock-ons, werden fest mit Gebäudeteilen wie der Regenrinne verbunden.

Projektionen und Videoinstallationen

Lichtspiele unter freiem Himmel


Sie sind oft nur ein Schauspiel für eine Nacht, doch manchmal bleiben sie auch länger: Projektionen sowie Videoinstallationen, die auf Wände, Straßen und andere Bereiche des urbanen Raums geworfen werden. Digitale Medien auf großformatigen Betonleinwänden erfreuen sich vor allem bei Kunstfestivals großer Beliebtheit.

Der Berliner Dom beim Festival of Light

Sticker und Plakate

Bleibt kleben


Aufkleber und Plakate sind und bleiben gern genutzte, aber nicht immer gern gesehene Ausdrucksformen für politische Ansichten. Auf Laternenmasten, Straßenschildern und Ampeln angebrachte Botschaften sind häufig auch Erkennungszeichen bestimmter Gruppen. Die Klebeelemente schweißen auf diese Weise Communitys der unterschiedlichen Subkulturen zusammen.

Skulpturen

Von klein bis gigantisch


Skulpturen der verschiedensten Größenordnung sind eine weitere Möglichkeit, den urbanen Raum kreativ zu erobern.

Immer beliebter werden Miniaturinstallationen, die erst auf den zweiten Blick erkennbar sind und daher häufig übergangen werden. Projekte wie Tiny Doors ATL schärfen unseren Blick in der städtischen Umgebung und sind obendrein wirklich süß anzuschauen!

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